Eine Ausnahmesituation

 

 

Über CORONA-Schutzmaßnahmen und einer überwältigende Spendenbereitschaft 

 

 

Nach dem kurzen Bericht zur Situation im Ausnahmezustand durch die CORONA-Schutzmaßnahmen im April konnte ich mich über eine überwältigende Spendenbereitschaft freuen. Die Erhöhung vieler Dauerspenden und großzügige Zusatzspenden haben uns ermöglicht, die Mieten ALLER unserer Familien bis Jahresende zu übernehmen. Zusätzlich haben wir in Addis Abeba ausreichende Mengen an Lebensmittel gekauft, damit die Frauen und ihre Kinder trotz Heimquarantäne, Arbeitslosigkeit und massiver Teuerung der Lebensmittel keinen Hunger leiden müssen. 

 

Alle  unsere Familien sind gesund geblieben, die Umstellung unseres Jahresplans von Bildung zur Existenzsicherung hat sich sehr bewährt. Alle sind extrem dankbar, dass wir die Mieten und die Ernährung übernehmen. So können wir ihnen die furchtbare Angst vor Obdachlosigkeit und Hunger weitgehend nehmen. Einige Familien haben in ihre kleinen Hütten Verwandte aufgenommen, die durch das fehlende Sozialsystem in die Obdachlosigkeit gefallen wären. Wir konnten sogar zusätzliche Familien aufnehmen.

Derzeit betreuen wir mehr Menschen als je zuvor.

 

Wir haben Grundnahrungsmittel in großen Mengen eingekauft.

 

Teff – Mehl für das lebenswichtige Injera

 

Wohnung und Nahrung - durch Eure  großzügigen Spenden und Spendenzusagen konnten wir allen Familien im Projekt Buntstifte-Stadt die Wohnungsmieten und Grundnahrungsmittel finanzieren! Das ist äußerst beruhigend für die Frauen. Für 2021 hoffe ich, dass die Spendentätigkeit so weitergeht. Derzeit geht es darum, Leben zu retten. So viele Menschen als möglich durch diese Krise zu begleiten, sehe ich derzeit als unsere wichtigste Aufgabe. 

Bildung ist aktuell nicht möglich, weil keine Schulen geöffnet sind. 

Bis Juli hatten wir gehofft, dass im September wieder Schulbetrieb beginnen kann.  

 

Große Sorgen - Ungewissheit und schwere Unruhen

Nun ist aber vieles ungewiss, weil schwere politische Unruhen ausgebrochen sind. 

 

Zur Information:

Die Bevölkerung Äthiopiens besteht aus  vielen Volksgruppen. Die wichtigsten vier sind die Oromo (größte Volksgruppe, hauptsächlich Bauern - Buntstifte Land), Amharen (in vielen Städten), Tigray (aus ihr stammt die frühere, sehr korrupte Regierung) und Somali (südliche Landesteile - Buntstifte Land). In unserem Projekt „Buntstifte Stadt“ helfen wir Menschen aus allen Volksgruppen.

 

Vorgeschichte:

Durch die Bevölkerungsexplosion und den Ausverkauf der Ackergründe verlieren Oromos zunehmend ihr Land und damit ihren Erwerb aus kleingliedriger Landwirtschaft. Sie sind meist wenig gebildet und finden schwer eine andere Arbeit. Schon in den letzten Jahren häuften sich daher Unruhen durch unterdrückte und radikalisierte Oromos.

 

Eskalation

Anfang Juli wurde Hachalu Hundessa, ein sehr angesehener Künstler/Sänger aus der Volksgruppe der Oromo, in Addis Abeba auf offener Straße erschossen. Das hat die Proteste gegen die Benachteiligung der Oromos befeuert, Straßenschlachten sind ausgebrochen – und dann waren für drei Wochen Internet und Telefon unterbrochen. 

Kein Kontakt war möglich - schwierige Wochen auch für mich.

Die Medien in Europa haben davon wenig Notiz genommen. COVID-19 beherrscht unsere Schlagzeilen.

 

Nach drei Wochen war der Kontakt wieder offen, meine Freunde aus mehreren Landesteilen haben sich am selben Tag gemeldet. Was sie berichten, ist nicht sehr beruhigend.

 

Was ist passiert?

Die Regierung hat Internet, Telefon und öffentlichen Verkehr für 3 Wochen völlig abgestellt, um die Aufstände zu ersticken. Ganz unterschiedliche Menschen in Addis Abeba, im Norden und im sehr entfernten Süden berichten mir übereinstimmend von schrecklicher Gewalt. Unbeteiligten Menschen, auch Frauen, wurden die Kehlen durchschnitten und die Leichen vor ihre Familien geworfen. Dörfer wurden zerstört. Auch das Dorf, aus dem Seife Lemma, unser Gebietsdirektor von Buntstifte-Stadt stammt, wurde schwer getroffen. Es gab schwere Kämpfe, Autos und viele Häuser und Hotels in Addis Abeba wurden angezündet.

 

Feysier, Projektleiter unserer Dorfprojekte im Somali-Oromo-Gebiet, ist Christ in einem islamischen Landesteil. Hier im Bild 2013 inmitten der Frauen unseres Projekts in Keku.

 

 

Feysier: “Ich kann nichts machen, wenn sie kommen. Ich bin kein Politiker und auch nicht besonders religiös. Ich bin nur Entwicklungs-helfer. Aber die Moslems hier werden radikalisiert. Ich bin hier als Christ nicht sicher. Aber ich hoffe, dass sie mir nichts tun. Selbstverständlich bleibe ich da. Ich werde unser Projekt nicht verlassen.“ 

 

 

 

Ich war mit ihm mehrmals in verschiedenen Dörfern. Er ist ungemein beliebt bei den Menschen.  Die Schwierigkeit sei jetzt, die Menschen, die gegeneinander gekämpft haben, wieder zusammenzuführen. Die friedliche Ko-Existenz der Religionen gehört zum Selbstverständnis dieses großen, vielfältigen Landes.  Religionskämpfe haben keine Tradition. Diese Art von Gewalt sei in Äthiopien völlig neu.

Hintergründe:

Er und auch meine Freunde in Addis Abeba teilen die offizielle Einschätzung der Regierung: Es sei eine Intrige gewesen, um den moderaten Premierminister Abiy Ahmed zu schwächen. Auf ihn wurden seit seinem Amtsantritt 2018 bereits einige Attentate verübt. 

 

Wer steckt dahinter?

Die Intrige kann vom entmachteten Herrscher -  Clan aus der Volksgruppe der Tigray ausgehen. Auch eine Infiltration mit Islamisten ist schon seit ein paar Jahren zu beobachten. Die religiöse Radikalisierung könnte auch von Ägypten und dem Sudan unterstützt sein, um Äthiopien im Kampf um das Nil-Wasser zu destabilisieren. 

 

Aktuelle Situation:

So kommen nun also zur Armut, die durch das Virus verstärkt wird, auch noch politische Unruhen dazu. Die Aufstände sind vorerst niedergeschlagen. „Es herrscht Ruhe.“

Jetzt hoffen wir auf die zutiefst friedliebende Mentalität der Äthiopier, so wie ich sie kenne. 

Unser Projekt und alle unsere Familien  blieben glücklicherweise unversehrt. Frauen, die um das Überleben ihrer Kinder kämpfen, haben kein Interesse an politischen Zusammenhängen oder Kämpfen. 

 

 

 

Unsere Aufgabe – Unsere Pläne 

 

Um einer Radikalisierung entgegen zu wirken, wird in Zukunft das Motto lauten:

 

ERNÄHRUNG –BILDUNG – VERSÖHNUNG

 

Mit Euren Spenden können wir:

  • Im Projekt Buntstifte-Stadt, bis zur Lösung der COVID-Situation, Menschen ernähren und sie vor Obdachlosigkeit schützen.
  • Dazu wollen wir, sobald die Schulen öffnen, die Schulkosten für unsere Kinder übernehmen und mit unserem Bildungsprogramm für die Frauen neu durchstarten.
  • Feysier und unsere Freundinnen in den Landprojekten erarbeiten Programme zur Stärkung der Frauen und zur Versöhnung in den Dörfern. Wir wollen sie dabei unterstützen.

 

Unser Programm steht bereit. Mit Euren Spenden können wir  viele Menschen vor drohendem Elend bewahren.

Ich hoffe, dass weltweit der Kampf gegen das Corona-Virus gewonnen werden kann, und ich brenne darauf, wieder zu unseren Projekten zu reisen. Es gibt sehr viel zu tun.

 

Danke für Eure Unterstützung dabei!

Eure Veronika

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Buntstifte e.V. 2020